Freitag, 15. Dezember 2017

Stoker


India Stoker
© 20th Century Fox
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Interview mit Wentworth Miller

Im Verlauf von mehr als 20 Jahren hat der Autor, Regisseur und Produzent Chan-Wook Park ein einzigartiges Œuvre geschaffen, zu dem die innovativsten Filme gehören, die in Korea gedreht wurden. Deren fiebrige Drehbücher kombinieren lyrische Schönheit mit brutaler Gewalt und opernhaften Emotionen.

Stoker ist ein dunkler, verstörender Thriller über eine mysteriöse, isoliert lebende amerikanische Familie. Ein metaphorischer Hinweis auf das Böse des Films ist schon dessen Titel, der sich des Namen des „Dracula”-Autors Bram Stoker bedient, dessen opportunistischer Held, ein Vampir, nach menschlichem Blut lechzt.

Als India Stoker an ihrem 18. Geburtstag ihren Vater und besten Freund Richard durch einen tragischen Autounfall verliert, bricht für sie eine Welt zusammen. Vorbei ist es mit dem ruhigen Leben auf dem abgelegenen Besitz der Familie. Die höchst sensible India legt fortan ein passives Verhalten an den Tag, um die tiefen Gefühle und ihre verstärkte Wahrnehmungsgabe zu schützen, die nur ihr Vater verstand.

Bald darauf findet sich India zum lange verschollenen Bruder ihres Vaters Charlie hingezogen, der unerwartet auf der Beerdigung Richards auftaucht und beschließt, ein paar Tage bei ihr und ihrer emotional instabilen Mutter Evie zu bleiben. Zunächst misstraut India ihrem charmanten, aber mysteriösen Onkel, gleichzeitig fasziniert er sie jedoch und sie merkt auch, wie viel sie beide gemein haben.

Schritt für Schritt öffnet sich Charlie seiner Nichte, India lässt sich zunehmend von seinem Charme betören und merkt allmählich, dass sein Erscheinen kein Zufall war. Unter der Führung ihres Onkels wird sie sich in der Folge ihrem ungewöhnlichen Schicksal stellen (müssen).

Das Skript beginnt damit, dass eine Spinne einer jungen Frau, die Klavier spielt, das Bein hoch krabbelt. Produzent Michael Costigan war fasziniert, geschockt und begeistert von der Geschichte, die gnadenlos auf ihr unerbittliches Ende zusteuert. Der Produzent tauchte in die unheimliche, unwahrscheinliche und in sich geschlossenen Welt der Stokers ein:

»Diese Menschen sind ganz unverfälscht. Wenn sie eine emotionale Regung haben, müssen sie dieser einfach folgen, auch wenn sie sich der Auswirkungen nicht vollends bewusst sind. Sie sind, wenn man so will, brillant. Sie sind sehr scharfsinnig. Sie sehen Dinge, die andere Menschen nicht sehen. Aber sie sind auch so sehr mit ihrer Selbsterhaltung beschäftigt, dass sie alles tun, um sich und ihre Lebensart zu schützen. In diesem Punkt schrecken sie vor nichts zurück.«

Die Geschichte setzt an India Stokers 18. Geburtstag ein. India, die von Mia Wasikowska hervorragend gespielt wird, ist introspektiv und scheinbar passiv. »Aber sie steht kurz davor, bei sich selbst anzukommen«, sagt Costigan. »Äußerlich wirkt sie vollkommen ruhig und gefasst, aber unter der Oberfläche brodelt es. Sie sieht und hört extrem gut. Sie bemerkt Kleinigkeiten, die die meisten von uns übersehen würden. Und das überwältigt sie.«

Das Skript passt laut Koproduzent Jeong Wonjo perfekt in Parks bisheriges Gesamtwerk: »Regisseur Parks Filme sind sehr reflektiert. Es geht um richtig und falsch und die schmale Linie dazwischen. Seine Figuren werden von ihren Entscheidungen hin und her gerissen. Jede Entscheidung zieht ihre Konsequenzen nach sich. Er bricht mit den narrativen Konventionen und wirft dabei Fragen über soziale Klassen, Ethik, Moral und Religion auf.«

Park zitiert in seinen Filmen Regisseure wie David Lynch und David Cronenberg, man erkennt die glänzende, stilisierte und sexy Welt von Brian de Palma wieder und spürt auch den Einfluss von Schriftstellern wie Edgar Allen Poe, M.R. James und Wilkie Collins.

»In Stoker observiert Park einen Mikrokosmos und dessen Bewohner und erzählt dabei gleichzeitig eine große, für die Welt allgemeingültige Geschichte«, fährt Wonjo fort. »Die Figuren haben alle ihre Fehler, so wie wir alle unsere Fehler haben. Er setzt sie extremen Situationen aus und reflektiert so über Schwierigkeiten, mit denen wir alle im Lauf unseres Lebens zu kämpfen haben. Er tut dies aber auf so dunkle, lebendige Art, dass mein einfach genau hinschauen muss.«

Natürlich wollten die Produzenten mehr über den Drehbuchautor erfahren, aber die Agentin weigerte sich, Details preiszugeben. »Sie hat mir überhaupt nichts gesagt«, erzählt Costigan. »Sie hat nur gemeint, dass er nicht in der Stadt sei. Schließlich rief er mich an und ich hatte das Gefühl, dass ich die Stimme kannte. Ich war wirklich fassungslos, als ich erfuhr, dass „Ted“ Wentworth Miller war und ich das erste Drehbuch in Händen hielt, das er je geschrieben hatte.«

Miller, ein Schauspieler, den man am ehesten aus der bahnbrechenden TV-Serie Prison Break kennt, arbeitete rund acht Jahre lang an dem Skript. Weil er der Meinung war, dass niemand das erste Drehbuch eines Schauspielers ernst nehmen würde, überzeugte Miller seine Agentin, das Buch unter einem Pseudonym anzubieten. Er entschloss sich, sich Ted Foulke zu nennen. Das Drehbuch landete schließlich auf der Black List des Jahres 2010. Auf der prestigeträchtigen inoffiziellen Liste stehen die vermeintlich besten noch zu habenden Skripts.

Strahlende Bilder, eine allwissende Kamera und sorgfältig komponierte visuelle Metaphern sind die Markenzeichen von Chan-Wook Parks Filmen. Auch hier wirken die Bilder wie in einem Märchen, einem Fantasiegebilde, das aus der Vorstellungskraft eines Mädchens entstammt, das auf der Schwelle zum Erwachsensein steht. Man weiß bis zum Schluss nicht, ob Charlie wirklich Indias Onkel ist oder ein Dämon, der sich ihrer bemächtigen will.

Schließlich verdichten sich auf Grund der Ereignisse Vermutungen über Charlie und dessen Beweggründe. Erst als India nachforscht, entdeckt sie, wer Charlie ist, und demaskiert ihn, woraufhin sie am Ende der Geschichte eine wichtige Entscheidung zu treffen hat...eine erwachsene Entscheidung. Stoker ist ein zeitloser Mystery-Thriller, wenn man das so bezeichnen kann, mit wundervoll eingefangenen Bildern und Sets. Als kleinen Bonus dürfen die „Hasser“ von Alden Ehrenreich, der im kürzlich gestarteten Beautiful Creatures die männliche Hauptrolle spielt, dem grausigen Ableben seiner Filmfigur beiwohnen. Mit drei herausragenden Schauspielern in den Hauptrollen gelang Park mit diesem Film ein kleines Schmankerl jenseits von pompösen Metallschlachten und zähneknirschender Action - so ein Mittelding zwischen Star Trek und dem anstehenden visuellen Gähnwerk Malicks, To the Wonder. ■ mz

5. Mai 2013
OT: Stoker
Drama/Thriller
USA 2013
99 min
FSK 16


mit

Mia Wasikowska (India Stoker) Janin Stenzel
Nicole Kidman (Evelyn „Evie“ Stoker) Petra Barthel
Matthew Goode (Charles Stoker) Norman Matt
Alden Ehrenreich (Whip Taylor) Jacob Weigert
Peg Allen (Haushälterin #1) Denise Gorzelanny
Lauren E. Roman (Haushälterin #2) Eva Thärichen
Lucas Till (Pitts)
Jacki Weaver (Gwendolyn Stoker)
Dermot Mulroney (Richard Stoker)
Judith Godrèche (Doctor Jacquin)
Ralph Brown (Sheriff)
u.a.

drehbuch
Wentworth Miller
Erin Cressida Wilson

musik
Clint Mansell

kamera
Chung-Hoon Chung

regie
Chan-Wook Park

produktion
Fox Searchlight Pictures
Indian Paintbrush
Scott Free Productions

verleih
20th Century Fox

Kinostart: 9. Mai 2013