Samstag, 16. Dezember 2017

Side Effects - Tödliche Nebenwirkungen


Martin versucht, seine Frau Emily aufzumuntern.
© Senator

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Der häufig unkalkulierbare Umgang mit Psychopharmaka liefert den dramatischen Hintergrund für den neuen Film von Oscar®-Preisträger Steven Soderbergh, der in Hits wie Traffic - Macht des Kartells oder Erin Brockovich bereits eindrucksvoll die perfekte Synthese von packendem Entertainment und gesellschaftlich relevanten Themen unter Beweis gestellt hat.

Side Effects ist ein provokativer Thriller über Emily und Martin, ein erfolgreiches New Yorker Ehepaar, dessen Leben sich völlig aufzulösen droht, als Psychiater Dr. Jonathan Banks seiner Patientin Emily ein neues Psychopharmakon verschreibt. Denn dieses Medikament, das Emilys Angststörungen lindern soll, zeigt unerwartete Nebenwirkungen...

Emily und Martin Taylor sind jung, schön und wohlhabend, führen ein Leben mit Villa, Segelboot und allem nur erdenklichen Luxus, den man mit Geld kaufen kann. Doch als Martin wegen Insiderhandels verurteilt wird und ins Gefängnis kommt, verändert sich alles. Vier Jahre lang wartet Emily in einem kleinen Apartment in Upper Manhattan auf Martins Rückkehr. Doch seine Entlassung aus dem Gefängnis erweist sich für sie als emotional genauso belastend wie seine Inhaftierung und Emily fällt in eine tiefe Depression.

Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch sucht Emily Hilfe bei dem renommierten Psychiater Dr. Jonathan Banks, der fortan die junge Frau psychologisch betreut. Der Arzt schlägt ihr einen Behandlungsplan mit regelmäßigen Therapiesitzungen vor und verschreibt ihr ein neu entwickeltes Antidepressivum. Aus Angst in eine Klinik eingewiesen zu werden, akzeptiert Emily - eine Entscheidung, die nicht nur ihr Leben, sondern auch das aller Beteiligten, dramatisch verändert:

Ehen werden ruiniert, Banks’ Praxis verzeichnet einen dramatischen Patientenrückgang, und ein mysteriöser Todesfall versetzt alle in Schock. Doch wer ist für all das verantwortlich? Von seinem beruflichen Rückschlag am Boden zerstört, sucht Dr. Banks fieberhaft nach Antworten. Doch als er sie findet, droht die von ihm aufgedeckte Wahrheit alles zu zerstören, was noch übrig geblieben ist...

Vor über zehn Jahren betrieb Drehbuchautor Scott Z. Burns mehrwöchige Recherchen in New York, in der psychiatrischen Abteilung des berühmten Bellevue Hospital. Burns, damals Mitglied des Autorenteams der hochgelobten TV-Serie Wonderland, die die Behandlung psychischer Krankheiten aus der Perspektive von Ärzten und Patienten beleuchtet, führte lange Gespräche mit den im Bellevue Hospital tätigen Psychiatern und beobachtete ihre Arbeit mit seelisch kranken Patienten, von denen viele eine kriminelle Vergangenheit hatten.

»Diese Zeit gehört zu den außergewöhnlichsten Erfahrungen meines Lebens«, erinnert sich Burns. »Es gab dort Patienten, die wirklich furchterregende Kriminelle waren, aber auch solche, die so krank waren, dass sie die elementarsten Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht mehr verstanden und nicht mehr in der Lage waren, sich nach ihnen zu richten.

Ich wollte einen Thriller im Stil des Film Noir schreiben, der den Zuschauer in die Geschichte hineinzieht und ihn dann mit vielen Wendungen den Halt verlieren lässt. Einen Thriller wie etwa Frau ohne Gewissen oder Heißblütig - Kaltblütig, der sich aber in der Welt der Pharmakologie entfalten würde. Mich inspirierten Filme mit geschickt konstruierten und cleveren Szenarien über Betrug und Intrigen, die in einer Welt spielten, in der auch der Zuschauer lebte. Es scheint so, als würden solche Filme heute nicht mehr gedreht werden, aber ich habe dieses Genre immer geliebt.«

Während Burns die Geschichte entwickelte, betrieb der Autor auch umfangreiche Recherchen über den zunehmenden Therapieeinsatz von Antidepressiva in den USA. Dabei unterstützte ihn Dr. Sasha Bardey, der schließlich Koproduzent von Side Effects wurde und am Set als Berater zur Verfügung stand.

In Nachrichtenmeldungen fand Burns Beweise dafür, dass die gleichen Medikamente, die zur Behandlung von Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Erkrankungen eingesetzt wurden, bei einer kleinen, aber signifikanten Anzahl von Patienten auch unerklärliches Verhalten auslösen können.

So wurden häufig verschriebene Psychopharmaka wie Prozac, Ambien und Zoloft für eine Reihe von kriminellen Handlungen verantwortlich gemacht - das Spektrum reichte von fahrlässigen Tötungsdelikten mit Autos bis zu körperlichen Angriffen. In Kalifornien wurde die Klage gegen einen Mann fallengelassen, der ein häufig benutztes Schlafmittel eingenommen hatte und dann in einen Autounfall verwickelt wurde, der allerdings keine Verletzten mit sich brachte. Ein oft verschriebenes Antidepressivum wurde sogar mit einem schockierenden Entführungs- und Vergewaltigungsfall in Verbindung gebracht.

Nicht minder faszinierend fand Burns Geschichten, die er über das Fehlverhalten von angesehenen Ärzten ausgrub: »In den Nachrichten wurde von einem Psychiater berichtet, der versucht hatte, einen seiner Patienten, einen rechtskräftig verurteilten Verbrecher, anzuwerben, seine Geliebte zu töten.

Als dieser Patient dann zur Polizei ging, glaubte ihm dort keiner, schließlich war er ganz offensichtlich ein Verrückter. Die Geschichte, die wir erzählen, unterscheidet sich grundsätzlich von diesem Fall, aber sie steckt voller überraschender Wendungen, die den Zuschauer ständig hinterfragen lassen, was hier tatsächlich passiert und wer die Wahrheit sagt.«

»Scott ist sehr versiert darin, interessante Themen zu entdecken und diese dann kommerziell zu verpacken«, beschreibt Steven Soderbergh eine der Qualitäten seines Drehbuchautors. »Mir gefallen Filme, die versuchen, mehreres gleichzeitig zu sein und zu leisten. Wie schon Contagion ist auch Side Effects ein Thriller, aber für beide ist ein realistischer Unterton charakteristisch, der unsere Welt von heute widerspiegelt.«

»Ich musste das Drehbuch mehr als einmal lesen«, erinnert sich Rooney Mara. »Die Geschichte ist so aufgebaut und entwickelt, dass man die Ereignisse zunächst in einer bestimmten Weise wahrnimmt und interpretiert, später aber erkennen muss, dass man damit falsch lag. Solche Thriller werden heute eigentlich nicht mehr gedreht. Hier bekommt man absolut das Gefühl, in die klassische Hollywood-Ära zurückversetzt zu werden.«

Für sein vorerst letztes Werk zog Soderbergh „alte Bekannte“ vor die Kamera, die bereits mit ihm zusammengearbeitet haben: Jude Law (»Jude versteht sich wirklich auf die Darstellung obsessiver Persönlichkeiten.«), Catherine Zeta-Jones (»Mir gefiel die Idee, sie in dieser Art Film auf der Leinwand sehen zu können.«) und Channing Tatum (»Ich sagte, lasst ihn uns zur Abwechslung mal in einen Anzug stecken. Ich wollte ihn auch anders sprechen lassen, und er hat hart mit einem Sprachcoach gearbeitet, um sich eine abgehacktere artikulierte Ausdrucksweise anzueignen.«).

Side Effects ist ein komplexer Thriller mit so einigen Wendungen. Erfahrene Krimifans entdecken hier und dort eventuell (filmische) Hinweise, in welche Richtung sich der Film entwickelt, können sich jedoch bis zum Schluss nicht sicher sein, wer mit wem was angestellt hat. Er ist medizinischer Aufdeckungskrimi, Drama und vor allem ein Psycho(pharmaka)thriller, der sich gewaschen hat. Soderbergh nimmt den Zuschauer an die Hand und fährt mit ihm Karussell. Bei all der Komplexität fehlt dem Film jedoch genau dadurch das Tempo, das die Spannung erzeugt, die hier eben darum eher unterschwellig einher dümpelt. Man sollte also dem entsprechend Kopfschmerztabletten bereithalten, aber die Packungsbeilage bitte beachten! ■ mz

25. April 2013
OT: Side Effects
Thriller
USA 2013
106 min
FSK 12

mit

Rooney Mara (Emily Taylor) Manja Doering
Jude Law (Dr. Jonathan Banks) Florian Halm
Catherine Zeta-Jones (Dr. Victoria Siebert) Arianne Borbach
Channing Tatum (Martin Taylor) Martin Kautz
Vinessa Shaw (Dierdre Banks)
Polly Draper (Emilys Boss)
Mamie Gummer (Kayla)
Vladimi Versailles (Augustin)
Michelle Vergara Moore (Joan)
David Costabile (Carl)
u.a.

drehbuch
Scott Z. Burns

musik
Thomas Newman

kamera
Steven Soderbergh

regie
Steven Soderbergh

produktion
Di Bonaventura Pictures
Endgame Entertainment

verleih
Senator

Kinostart: 25. April 2013