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Boy A
Jack ist in der Presse als „Boy A“ eine Bekanntheit: Mit zehn Jahren wurde er zu einer 14-jährigen Haftstrafe verurteilt, weil er ein kleines Mädchen getötet hat. Die ist nun abgelaufen. Um dem Medienrummel zu entkommen, nimmt er kurz nach seiner Entlassung eine neue Identität an. Zunächst scheint sich sein Leben langsam zu ordnen: Er heißt nun Eric, nimmt einen Job an und verliebt sich. Dann rettet er sogar einem kleinen Mädchen das Leben.
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Das eindringliche Drama ist die Verfilmung des gleichnamigen preisgekrönten Romans von Jonathan Trigell, das sich den erschreckend aktuellen Themen Jugendgewalt und Resozialisierung widmet. Im vergangenen Jahr war Boy A der große Gewinner der britischen BAFTA TV Awards, bei denen er sieben Mal nominiert und in vier Kategorien ausgezeichnet wurde – unter anderem John Crowley für die Beste Regie und Andrew Garfield als Bester Darsteller. Im Panorama der Berlinale 2008 erhielt Boy A den Preis der ökumenischen Jury.

Im Alter von 24 Jahren wird Jack aus dem Gefängnis entlassen, in dem er die letzten 14 Jahre verbracht hat. Eines schweren Verbrechens schuldig und gleichzeitig völlig unbedarft betritt der in den Medien nur als „Boy A“ bekannte junge Mann eine Welt, die er zuletzt als Kind erlebt hat. Unter dem Schutz seines väterlichen Bewährungshelfers Terry nimmt er eine neue Identität an, findet einen Job, Freunde und verliebt sich in Michelle. Durch die Akzeptanz ermutigt will er sein belastendes Geheimnis offenlegen – aber er hat nicht mit der Sensationsgier der Presse gerechnet, die noch immer auf der Suche nach „Boy A“ ist: Unweigerlich und heftig wird Jack von seiner Vergangenheit eingeholt. Nun hat er mehr zu verlieren als jemals zuvor...

Zu Beginn des Films fragt man sich, was mit dem Jungen geschehen ist, der eine neue Identität bekommt. Hatte er ein traumatisches Erlebnis, an das er sich nicht erinnern kann? Wird er aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen? Er verhält sich jedenfalls anders als andere junge Männer seines Alters. Nach und nach erfährt man, was mit ihm geschehen ist, wer er vorher war, wer „Boy A“ in Wirklichkeit ist. Man wird buchstäblich mitgerissen in eine neue Welt, die Jack nach und nach kennenlernt - eine Welt, die wir zwar kennen, aber Jack nicht, denn er war seine komplette Teenagerzeit im Gefängnis. Wie das sein muss, kann man sich nur schwer vorstellen. Gerade deshalb wirkt Andrew Garfields Darstellung des Jack so real und authentisch, dass man unbedingt herausfinden will, was so grausam war, das ihn seine Jugend gekostet hat.

Boy A emotionalisiert und polarisiert. Er stellt eine Reihe schwieriger Fragen, die niemanden kalt lassen können, erst recht nicht die Schauspieler: Über mehrere Monate beschäftigten sie sich mit ihren Reaktionen auf die Geschichte. Für viele änderte sich die Perspektive kontinuierlich: »Meine Gefühle gegenüber unserem Thema waren eine verwirrende Mischung aus richtig und falsch. Eigentlich sind sie es noch immer. Aber dass es keine einfache Lösung gibt, macht Boy A zu einem großartigen Drama«, so Katie Lyons.

Wie jeder an die Geschichte herangeht, liegt daran, mit welcher Figur er sich identifiziert. Viele werden sich an Michelle halten, die Jacks Freundin wird. Diejenigen beschäftigen sich mit der Frage, was sie tun würden, wie sie reagieren würden, wenn sie plötzlich von der düsteren Vergangenheit eines näheren Bekannten oder sogar Freundes erfahren würden. Andere könnten sich mit Jack identifizieren. Er kommt in eine neue Welt, die ihn überwältigt, von der er keine Ahnung hat, wie er sich verhalten soll, wie er auf welche Gesten reagieren soll.

Man merkt, wie sich Jack bemüht, das Richtige zu tun, keine Fehler zu begehen, seiner neuen Identität Leben einzuhauchen. Dann rettet er einem jungen Mädchen das Leben und wird als Held gefeiert. Toll! Nur die Presse bekommt Wind davon, und von seiner neuen Identität, und schon kurze Zeit später ist die Presse wie Aasgeier hinter ihm her und seine neuen Bekannten und Freunde und Kollegen, selbst Michelle, kapseln sich von ihm ab. Und wenn man dann am Schluss des Films sieht, was damals wirklich geschehen ist, wird man wütend und traurig zugleich, wütend zunächst auf das Rechtssystem und dann auf Michelles Reaktion, und traurig, dass es offensichtlich keine Beweise für seine Unschuld gegeben hat und er nur noch einen tragischen Ausweg sieht.

Der Film ist sehr komplex, stellt Fragen, für die der Zuschauer für sich selbst eine Antwort suchen muss, so wie es die Figuren im Film machen müssen. Allerdings hat der Film seine Längen. Entweder der Subplot mit dem Sohn des Bewährungshelfers war zuviel oder ein paar Szenen mit Jack, die seine Emotionen wiederholt wiederspiegeln. Alles in allem ist der Film ein interessantes kontroverses Kleinod über Resozialisierung und wie man damit nicht umgehen sollte. ■ mz

Drama
GB 2007
106 min


mit
Andrew Garfield (Jack Burridge) Konrad Bösherz
Alfie Owen (Eric Wilson)
Katie Lyons (Michelle) Julia Kaufmann
Peter Mullan (Terry) Reiner Schöne
Taylor Doherty (Philip Craig)
Shaun Evans (Chris Cowey) Karlo Hackenberger
Anthony Lewis (Steve) Julius Jellinek
Siobhan Finneran (Kelly) Andrea Aust
James Young (Zeb) Nicolás Artajo
Skye Bennett (Angela Milton)
u.a.

drehbuch
Mark O'Rowe
nach dem Roman von Jonathan Trigell

musik
Paddy Cunneen

kamera
Rob Hardy

regie
John Crowley

produktion
Cuba Pictures
Film Four

verleih
Senator